Auszug



MacPom Telegramm

Grüngrau alles. Schwüle. Dicke Tropfen auf den ebenso dicken Brillengläsern. Die Gedanken auf dem Küchentisch.

Gedränge. Schwarze, blaue und rote Rollkoffer schlagen rücksichtslos in die Knie. Einsteigen. Gehetzt, ungeduldig. Teenager kreischen bis zur Taubheit am Fenster.

Alles in blau. Stern stechender. Goldgelb die Felder. Kraftvoll die Alleen. Als ob die Menschen die gleichen geblieben wären.

Ein tiefer Atemzug. Und noch einer. Ein weiterer. Fortwährend nun. Regelmäßig. Die Lunge zu einem Schwan. Schneeweiß.

Und wenn die Menschen nicht die gleichen geblieben sind, welche sind sie dann geworden? Der Schaum im Milchkaffee ist gelungen; fest. Der Zimt als Schnee.

Ein Gezeter der Kraniche. Lauthals. Auf der Bettdecke tanzen sie. Ein Buch auf dem dunklen Holztisch. Sein Umschlag seidig weich, duftend die Seiten. Ausgelesen neben dem Kreischen der Teenager.

Die Katzen schlafen. Eingerollt zu Fellkissen. In Samt und Seide. Beide. Niemand weiß, was sie träumen.

Das kleine Fenster des Bauernhauses. Gibt den Blick frei. Aufs Feld. Aufs Himmelszelt. Gefallene Sterne erblühen zu Mohn- und Kornblumen. Und im Kreislauf stehen wir. Endlich. Zeitlich.

Ein Blutrot des sinkenden Sterns. Barfuß. Ein Lübzer in der Hand. Warm die Erde, dampfend noch vom Tag. Willi Schmitt schaut uns beim Pinkeln zu. Sein Fell noch naß vom Sprung in den Teich.

Der Flamenco der Flammen. Das Sternenzelt steht. Wir sitzen. Geben uns nach. Lassen. Wie die Schwäne ziehen wir. Das Feuer will es so.

Johann Sebastian Bach. In Fahrt. Vorbei die schweren Bäume, an denen die Jungen ihr Leben büßen. Blumen vertrocknen am Wegesrand. Bach. Fliegen. Lieben und sterben.

Die Kokosnußmilch verkochte. Diktatlos die Uhr. Vergessen die Einheiten, Zahlen. Scharf auf der Zunge. Bissfest die Bohnen. Reis. Übriggeblieben.
Vielleicht Willi Schmitt?

Tiefe blaue Seele ausgebreitet. Unverrückbar. Liegt. Nicht zu bewegen. Grüngelber Schimmer. Glasklar. Hallo Qualle.

Ade, schimmerndes, mein glanzvoll allein, ganzheitlich Dir; reißt Trauer auf; wieder und wieder, untröstlich alles.
Bleibt stumm als Kiesel in der Jackentasche. Erstickt.

Willi Schmitt hat irgendwas verspeist. Er würgt und röchelt die ganze Zeit.

Die Haut duftet. Schafe blöken. Aufgewacht durch die Kraniche. Die Sonne scheint.
Alles liegt in Ruhe; alles ist.

Der Sommer.
Herzklappen schwer. Der Schwan setzt an. Zum Flug. Behäbig die großen Schwingen. Ein Schlagen.
Auf dem Bahnsteig neben der Tasche quetschen sich Beine. Ein Schlagen. Hände in Hände. Ein Schlagen.
Lippen auf Lippen. Ein Schlagen. Hinter der Glasscheibe. Ein Schlagen schneller und schneller, der weiße Körper hebt langsam ab, überwindet die Schwerkraft, zieht in die Wolken.
Schwebt mit ihnen.
Zum Abschied die Äpfel und ein Stein.

klein krankow.2005.

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Alle Rechte bei der Autorin. Köln. 2007.